Stern-Bilder ordnen den Himmel

Uwe Reichert
13. Oktober 2020

Bereits ein flüchtiger Blick an den Nachthimmel zeigt, dass die Sterne unterschiedlich hell erscheinen. Ein zweiter Blick offenbart, dass sie nicht gleichmäßig verteilt sind: An manchen Stellen gruppieren sie sich augenscheinlich etwas enger, während andere Bereiche des Himmels relativ leer aussehen. Und schon ist man geneigt, die auffälligen Sterngruppierungen zu Figuren zu ordnen und in ihnen vertraute Formen wiederzuerkennen. Beispiele dafür sind das „Himmels-W“, das aus den hellen Sternen der Kassiopeia gebildet wird, und der Große Wagen, der zum Sternbild Großer Bär (Ursa Major) gehört.

Sternbild Kassiopeia

Das Sternbild Kassiopeia ist eines der markantesten am nördlichen Himmel. Seine fünf hellsten Sterne formen den Buchstaben W. Deshalb lässt es sich leicht als „Himmels-W“ einprägen. (Bild: Uwe Reichert)

Der Große Wagen ist Teil des Sternbilds Großer Bär

Der „Große Wagen“ ist kein eigenständiges Sternbild, sondern eine auffällige Gruppe aus sieben hellen Sternen, die zum Sternbild Großer Bär gehören. In Nordamerika wird diese Sterngruppe als Schöpfkelle („Big Dipper“) gesehen. (Bild: Uwe Reichert)

Geschichten als Orientierungshilfe

In allen Kulturkreisen der Erde hat man helle Sterne zu solchen einprägsamen Bildern zusammengefasst und ihnen Namen aus dem jeweiligen Lebensbereich gegeben. Dabei sahen die Ägypter natürlich andere Figuren am Himmel als die Chinesen, die Sumerer andere als die Aborigines in Australien oder die Ureinwohner Nord- oder Südamerikas. Häufig aber haben die Anordnungen der Sterne wenig mit der Gestalt der Gottheit, des Helden oder des Tieres zu tun, die sie verkörpern sollen. Es war auch gar nicht die Absicht unserer Ahnen, die Sternbilder als Porträts aufzufassen – es waren symbolhafte Darstellungen der Figuren, deren Begründung in den überlieferten Mythen und in der menschlichen Fantasie zu suchen ist. Und die tradierten Geschichten waren ein wirkungsvolles Mittel, um sich die Anordnung auffälliger Sterngruppen einzuprägen und die Kenntnis an nachfolgende Generationen weiterzugeben.

Wir sollten also nicht allzu sehr enttäuscht sein, wenn wir in einem Sternbild trotz aller Bemühungen nicht die Umrisse der Gestalt erkennen, die es repräsentiert. Doch auch wir moderne Menschen finden uns besser am Nachthimmel zurecht, wenn wir mit Hilfe von Bildern Ordnung in das Gewimmel von Lichtpunkten bringen.

 

Von mythischen Sternbildern zur astronomischen Ordnung des Himmels

Ein Großteil der 88 offiziellen Sternbilder, in die der Himmel gemäß internationaler Übereinkunft eingeteilt ist, war bereits im Altertum im vorderasiatischen Raum und in den Gebieten des östlichen Mittelmeers bekannt. Der griechische Philosoph, Mathematiker und Astronom Eudoxos (um 408 – 355 v. Chr.) hat die in der Antike gebräuchlichen 48 Sternbilder aufgelistet. Sein Werk ist uns allerdings nur über spätere Autoren wie den Dichter Aratos (um 315 – 245 v. Chr.) und den Astronomen Ptolemäus (um 100 – 160 n. Chr.), den letzten bedeutenden Gelehrten der griechischen Antike, überliefert. Selbst deren Aufzeichnungen wären im europäischen Kulturkreis vergessen worden, hätten nicht arabische Gelehrte des 10. und 11. Jahrhunderts eine wichtige Vermittlerrolle zwischen dem Orient und dem Okzident gespielt.

Von besonderer Bedeutung waren seit jeher die Sternbilder im Tierkreis, die von der Sonne innerhalb eines Jahres auf ihrer scheinbaren Bahn über den Himmel durchquert werden. In ihnen sind des Nachts auch der Mond und die Planeten zu sehen. Zunächst gibt es die zwölf klassischen Tierkreissternbilder, die früheren Sternzeichen, die im Altertum jeweils einen etwa 30° breiten Abschnitt der Ekliptikzone überdeckten: Widder (Aries), Stier (Taurus), Zwillinge (Gemini), Krebs (Cancer), Löwe (Leo), Jungfrau (Virgo), Waage (Libra), Skorpion (Scorpius), Schütze (Sagittarius), Steinbock (Capricornus), Wassermann (Aquarius) und Fische (Pisces), Nach der Neuordnung der Sternbildgrenzen im 20. Jahrhundert kam ein 13. Sternbild hinzu, durch das die scheinbare Sonnenbahn führt: der Schlangenträger (Ophiuchus), dessen südlicher Bereich auf der Ekliptik zu liegen kommt.

Lücken am Südhimmel

Da die 48 ursprünglichen Sternbilder den Himmel nicht vollflächig bedeckten und insbesondere am Südhimmel große Lücken ließen, erfanden Gelehrte der Neuzeit weitere hinzu. Der in Augsburg tätige Rechtsanwalt und Liebhaberastronom Johann Bayer (1572 – 1625) veröffentlichte bereits im Jahr 1603 mit der „Uranometria“ den ersten Sternatlas, der diese Lücken füllte. Auf 51 Tafeln hatte er 1709 Sterne zumeist recht positionsgetreu eingezeichnet und zudem den Himmel sozusagen neu geordnet. Die einzelnen Sternbilder grenzte Bayer klar voneinander ab, und für den Südhimmel führte er zwölf neue Konstellationen ein.

Diese neuen Sternbilder des Südhimmels gehen freilich nicht auf Bayer selbst, sondern auf verschiedene Seefahrer zurück, deren Berichte er nutzte: unter ihnen Amerigo Vespucci, Andrea Corsali, Pedro de Medina, Pieter D. Keyser und Frederick de Houtman. Letzterer hatte als Anhang eines Wörterbuchs der malaiischen Sprache einen Katalog mit 303 Sternen des Südhimmels veröffentlicht, der auf Beobachtungen von ihm und Keyser während einer der ersten ostindischen Expeditionen zurückgeht. Es ist allerdings unbekannt, ob die von den beiden Niederländern verwendeten Sternbilder von ihnen selbst benannt oder von Eingeborenen übernommen wurden.

In die große Lücke am Südhimmel setzte Johann Bayer in seiner „Uranometria“ einige neue Sternbilder. (Quelle: Johann Bayer, Uranometria, 1603. Ein Nachdruck ist 2010 im Kunstschätze-Verlag erschienen.)

Nüchterne Technik anstatt Huldigung von Herrschern

Für die Astronomen der Neuzeit wurde der Südhimmel ab dem 17. Jahrhundert direkt zugänglich. Der Engländer Edmond Halley (1656 – 1742) untersuchte als einer der Ersten systematisch die noch unerforschte Himmelsregion. Im Jahre 1676 fuhr er an Bord eines britischen Expeditionsschiffs in den Südatlantik, errichtete auf der Insel St. Helena eine Beobachtungsstation und bestimmte die Positionen von fast 1000 Sternen des Südhimmels. Das südafrikanische Kapstadt, das von Seefahrern der Niederländischen Ostindien-Kompanie als Versorgungsstation gegründet wurde, bot einen geeigneten Standort für weitere wissenschaftliche Untersuchungen. Der französische Jesuit Guy Tachard (1651 – 1712) , der 1685 zu einer Missionsreise nach Siam aufbrach, nutzte einen Zwischenstopp in Kapstadt für Himmelsbeobachtungen. Peter Kolb (1675 – 1726), ein deutscher Mathematiker und Astronom, verbrachte ab 1705 einige Jahre in Kapstadt mit astronomischen und meteorologischen Messungen.

Doch erst der Franzose Nicolas-Louis de Lacaille (1713 – 1762) brachte die wissenschaftliche Erforschung des Südhimmels nachhaltig voran. Zwei Jahre lang, von 1751 bis 1753, vermaß er von Kapstadt aus die Positionen von fast 10 000 Sternen. In dem Versuch, sie zu ordnen, führte er neue Sternbilder ein. Ganz Wissenschaftler seiner Zeit, wählte Lacaille technische Gerätschaften als Namensgeber für seine Konstellationen. Mit diesen neuen Sternbildern füllte er die verbliebenen Lücken am Südhimmel. Nebenbei tilgte er in seinem 1763 erschienenen „Coelum Australe Stelliferum“ das von Edmond Halley eingeführte Sternbild Robur Carolinum (Karlseiche). Mit dieser Konstellation hatte Halley seinem König Karl II. ein himmlisches Denkmal setzen wollen. Dieser hatte sich im englischen Bürgerkrieg nach einer verlorenen Schlacht nur deshalb retten können, weil er sich in der Krone einer Eiche versteckte.

Im 18. und 19. Jahrhundert gab es mehrere solche Versuche, politische Herrscher mit einem Sternbild zu ehren. Das führte zu einem regelrechten Wettstreit im „Erfinden“ neuer Konstellationen. Da die Tätigkeit von Astronomen jener Zeit überwiegend von lokalen Fürsten oder Königen finanziert wurde, versuchte mancher Sternenbeobachter, sich seinem Förderer und Gönner gegenüber dankbar zu zeigen. Doch nicht nur Lacaille, sondern die internationale Gemeinschaft der Astronomen insgesamt widersetzte sich erfolgreich allen Versuchen, den Himmel zu politisieren.

Karl-Joseph König, Astronom an der Sternwarte Mannheim, führte 1785 die Konstellation “Leo Palatinus” (“Pfälzischer Löwe”) ein, um seine Geldgeber, den Kurfürsten Carl Theodor und seine Frau Elisabeth Augusta, zu ehren. Doch dieses Sternbild wurde wie zahlreiche andere „politische“ Konstellationen von der internationalen Gemeinschaft der Astronomen nicht anerkannt. (Repro: Uwe Reichert)

Kein Kaiserdenkmal am Himmel

Eva Foerster, die Schwiegertochter des Berliner Astronomen Wilhelm Foerster, erzählte der Autorin Renate Feyl eine Anekdote, die diese in einem biografischen Essay über Wilhelm Foerster wiedergibt:

Eines Tages kommt auf die Berliner Sternwarte „eine Deputation aus der höchsten Generalität“ Kaiser Wilhelms I. und fordert den Direktor, den Astronomen Wilhelm Foerster, auf, sich dafür einzusetzen, daß „das Sternbild der Cassiopeia, welches bei einer bestimmten Lage zum Horizont durch die Gruppierung seiner hellsten Sterne nahezu ein lateinisches W darstelle“, den Namen „Wilhelmssternbild“ erhalte. Foerster lehnt ab. Es würde den Spott der Nationen herausfordern, meint er. Dieses ganz und gar nicht untertänige Verhalten macht Foerster in kaisertreuen Kreisen fortan „der Vernachlässigung preußischer Interessen am Sternenhimmel“ verdächtig.

(Quelle: Biografisches Essay über Wilhelm Foerster in: Renate Feyl: Bilder ohne Rahmen, S. 111. Greifenverlag, Rudolstadt 1977.)

Neuordnung der Sternbildgrenzen

Die im Jahr 1919 gegründete Internationale Astronomische Union (IAU) beendete schließlich den Wildwuchs. Sie legte 1922 die Anzahl der Sternbilder auf 88 fest und beauftragte den belgischen Astronomen Eugène Delporte, deren Grenzen eindeutig zu ziehen. Diese Maßnahme erwies sich als nötig, um jedes Himmelsobjekt einem bestimmten Sternbild zuordnen zu können. So hatte sich die Tradition eingebürgert, veränderliche Sterne nach dem Sternbild zu benennen, in dem sie stehen. Da durch den wissenschaftlichen Fortschritt die Anzahl der bekannten Veränderlichen stark zunahm, mussten nun die Grenzen der Sternbilder eindeutig festgelegt werden. Delportes Vorschlag wurde 1928 von der IAU genehmigt und zwei Jahre später als Atlas veröffentlicht (Eugène Delporte: Délimitation Scientifique des Constellations, Cambridge University Press, 1930. Eugène Delporte, Atlas Céleste, Cambridge University Press, 1930).

Diese Grenzen der Sternbilder, die durch die Himmelskoordinaten Rektaszension und Deklination festgelegt sind, gelten für professionelle Astronomen als einzige Definition der Sternbilder. In historischen Atlanten war es noch üblich, die aus der Antike überlieferten Figuren künstlerisch auszuschmücken. In modernen Sternkarten sieht man gelegentlich Linien, die die hellsten Sterne miteinander verbinden und an die historische Figürlichkeit erinnern sollen. Für diese Art der Darstellung gibt es keinerlei Konvention, und jeder Kartenzeichner ist frei in dieser Gestaltung. Im englischen Sprachraum sind die Darstellungen geläufig, die von den Autoren Alan M. MacRobert und Hans A. Rey stammen. Wir verwenden die Linienmuster, die Uwe Reichert 1997 in den Karten für den „Atlas der Sternbilder“ eingeführt hat und die wenig später von der Zeitschrift „Sterne und Weltraum“ übernommen wurden.

Quellen und empfohlene Literatur:

  • David S. Evans: Nicolas de la Caille and the Southern Sky. In: Sky and Telescope, Juli 1980, S. 4-7
  • Uwe Reichert: Johannes Hevelius – Das Wirken des großen Astronomen in Danzig. In: Sterne und Weltraum, Februar 2011, S. 54-57
  • Eckhard Slawik und Uwe Reichert: Atlas der Sternbilder, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin 1998
  • Gotthard Strohmaier: Die Sterne des Abd ar-Rahman as-Sufi, Müller & Kiepenheuer, Hanau/Main, 1984