Sternbild Fuhrmann (Auriga)

Gemeinsam mit dem Stern Beta Tauri bilden die hellsten Sterne des Sternbilds Fuhrmann ein auffälliges Sechseck.

Die hellsten Sterne des Fuhrmanns bilden eine Figur, die einem Flugdrachen ähnelt. Das Sternbild selbst ist jedoch deutlich größer als diese auffällige Struktur. (Bilder: Uwe Reichert)

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Der Fuhrmann (lateinisch Auriga) ist ein großes, leicht zu erkennendes Sternbild am Nordhimmel. Einige Sterne der 0. bis 3. Helligkeitsklasse bilden eine eckige Struktur, die einem Flugdrachen ähnelt. Am nördlichen Ende dieser Figur befindet sich Capella (Alpha Aurigae, α Aur), mit 0,08 mag der sechsthellste Stern am Firmament. Der südlichste Stern dieser Figur, früher Gamma Aurigae genannt und zugleich dem Horn des benachbarten Stieres zugeordnet, wird heute als Beta Tauri (β Tau) ausschließlich dem Sternbild Stier (Taurus) zugerechnet. Auch wenn die flugdrachenähnliche Figur das auffälligste Merkmal des Fuhrmanns ist, dehnt sich das Sternbild deutlich weiter nach Osten und Norden aus.

Die beste Sichtbarkeit am Abendhimmel ist in den Monaten November bis März. Dann prägt der Fuhrmann gemeinsam mit einigen markanten Sternbildern in der Nachbarschaft den Winterhimmel auf der nördlichen Hemisphäre. Capella ist dabei der nördlichste Eckpunkt des sogenannten Wintersechsecks, das dieser Stern gemeinsam mit fünf weiteren hellen Sternen bildet: Aldebaran im Stier, Rigel im Orion, Sirius im Großen Hund, Prokyon im Kleinen Hund und Pollux in den Zwillingen. Das Wintersechseck ist kein Sternbild, sondern einfach eine einprägsame Struktur am Himmel, mit dessen Hilfe sich diese Sterne und Sternbilder leicht auffinden lassen.

Auch auf der Südhalbkugel (mit Ausnahme von Neuseeland und der südlichsten Zone von Südamerika) ist der Fuhrmann mit den anderen hellen Sternen des Wintersechsecks zu sehen – wo diese Struktur konsequenterweise ein Sommersechseck ist. Dort wird allerdings der visuelle Eindruck des Nachthimmels auch durch Canopus – nach Sirius der zweithellste Stern am Himmel – geprägt.

Da die Milchstraße einen Teil des Sternbilds Fuhrmann durchzieht, sind einige sehenswerte offene Sternhaufen darin zu sehen, unter anderem die Messierobjekte M 36, M 37 und M 38.

Links zeigt eine mit Koordinaten versehene Karte eines Himmelsausschnitts weiße Sterne auf hellblauem Hintergrund. Die Fläche, die das Sternbild Fuhrmann einnimmt, ist dunkelblau hervorgehoben. Eine Tabelle rechts gibt wichtige Daten des Sternbilds Fuhrmann an.

Besondere Objekte

Hinweis: Dieser Abschnitt ist in Bearbeitung.

Ursprung des Sternbilds Fuhrmann

Auf historischen Karten wird der Fuhrmann mit einer Ziege auf dem Rücken dargestellt.

Der Fuhrmann mit der Ziege auf dem Rücken in der Darstellung von Johannes Hevelius (1611-1687). Hevelius stellte die Sternbilder in seinem Atlas spiegelverkehrt dar – so, als würde man die Himmelskugel von außen betrachten. (Aus: Johannes Hevelius, Sternenatlas, russische Ausgabe, Taschkent 1978)

Der Wagenlenker von Delphi, der die Zügel eines Pferdes in der rechten Hand hält. ist eine der am besten erhaltenen Bronzestatuen aus der griechischen Antike

Im Archäologischen Museum Delphi ist die Bronzestatue eines Wagenlenkers aus der griechischen Antike ausgestellt. War nun ein solcher „Zügelhalter“ Vorbild für das Sternbild Fuhrmann oder doch eher ein Ziegenhirte? (Bild: Uwe Reichert)

Der Fuhrmann gehört zu den 48 aus der Antike überlieferten Sternbildern. Allerdings geben der Ursprung und die Bedeutung dieses Sternbilds Rätsel auf. War es ein Wagenlenker, ein Ziegenhirt oder gar eine der höchsten Gottheiten aus dem vorderasiatischen Raum?

Der alexandrinische Astronom Ptolemäus listet das Sternbild, das wir im Deutschen als Fuhrmann oder in der lateinischen Form als Auriga (Fuhrmann oder Wagenlenker) kennen, in seinem Sternkatalog als Heniochos (͑Ηνίοχος), den Zügelhalter oder Rosselenker. Der Stern „an der linken Schulter“ dieses Mannes wurde Ptolemäus zufolge „Ziege“ (αἴξ) genannt; in genau dieser Bedeutung kennen wir den Stern Alpha Aurigae in der latinisierten Form Capella.

In einem griechischen Mythos wird dieser Zügelhalter mit Erichthonios identifiziert. Dieser legendäre König von Athen soll der Erste gewesen sein, der es dem Sonnengott gleichtat und vier Pferde vor seinen Wagen spannte. Für diese kühne Pioniertat wurde er von Zeus mit einem Platz unter den Gestirnen belohnt.

Dieser Deutung als Wagenlenker überlagert sich ein zweites Motiv, das erklärt, warum der Fuhrmann auf historischen Karten mit einer Ziege auf der Schulter dargestellt wird. Zeus war ein Sohn des Titanen Kronos. Der verschlang alle seine Kinder direkt nach der Geburt, weil ihm geweissagt worden war, er würde durch seine Nachkommen als Herrscher der Titanen abgesetzt werden. Doch Zeus konnte durch eine List dem Zugriff seines Vaters entzogen werden, und er wuchs in einer Höhle des Dikte-Gebirges auf Kreta versteckt auf. Dort nährte ihn die Nymphe Amaltheia mit der Milch einer Ziege; in der Überlieferung wurde mitunter Amaltheia selbst mit der Ziege gleichgesetzt. Zeus, der später seinen Vater tatsächlich besiegte und zum Herrscher der olympischen Götter aufstieg, versetzte Amaltheia aus Dankbarkeit als Capella („kleine Ziege“) an den Himmel.

Vermischung verschiedener Mythen

Wie so oft, haben die Griechen bei der Übernahme von Sternbildern aus dem vorderasiatischen Raum offenbar verschiedene Mythen und Erzählungen miteinander vermischt oder sie einfach ihrer eigenen Kultur angepasst.

Die Sterne, die wir heute zum Fuhrmann zählen, waren jedenfalls schon im babylonischen Raum ein eigenes Sternbild gewesen. Die Sterne Alpha, Epsilon, Eta und Zeta Aurigae, die in historischen Karten als die Ziege dargestellt werden, bildeten dem mesopotamischen Sternverzeichnis MUL.APIN zufolge das gekrümmte Ende eines Hirtenstabes, den manche Autoren auch als Krummstab und Waffe des Gottes Marduk deuteten. Marduk war ursprünglich der sumerische Stadtgott von Babylon gewesen und avancierte später zum Hauptgott der babylonischen Religion.

Quellen:

  • Johan L. Heiberg: Claudii Ptolemaei Opera quae exstant omnia. Volumen I. Syntaxis Mathematica, Leipzig 1898-1903
  • Werner Papke: Die Sterne von Babylon. Bergisch Gladbach 1989
  • John H. Rogers: Origins of the ancient constellations: I. The Mesopotamian traditions. Journal of the Britisch Astronomical Association 108, S. 1 (1998); ADS Abstract
  • Eckhard Slawik und Uwe Reichert: Atlas der Sternbilder, Heidelberg, Berlin 1998